Wenn nichts mehr wahr ist

Medienprofi Mathias Becker sprach beim Lions Club Winnenden über Fakenews, soziale Medien und die Mechanik von Verschwörungserzählungen

Wie unterscheidet man im digitalen Alltag echte von manipulierten Informationen? Dieser Frage widmete sich ein Vortragsabend des Lions Clubs Winnenden, zu dem der Hamburger Medienfachmann Mathias Becker zu Gast war. Sein Thema „Fakenews – die digitale Gefahr" hätte kaum aktueller sein können.

Becker, der an den Universitäten Göttingen und Düsseldorf auch Seminare zu Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus gibt, zeichnete zunächst eine grundlegende Verschiebung nach: Der Konsum klassischer Printmedien geht deutlich zurück, besonders bei jüngeren Menschen. An ihre Stelle treten soziale Medien, die nach eigenen Regeln funktionieren. Relevanz bemisst sich dort weniger am Argument als an der unmittelbaren Reaktion; Kommunikation ist stark emotionalisiert und tritt an die Stelle des echten Austauschs. So können Räume entstehen, in denen die Grenze zwischen wahr und falsch verschwimmt und am Ende vor allem Meinungen zählen.

Einen Schwerpunkt legte Becker auf die Funktionsweise von Verschwörungserzählungen. Er unterschied drei Grundformen – von der Deutung eines einzelnen Ereignisses als Komplott über die Annahme, eine Gruppe stehe hinter ganzen gesellschaftlichen Entwicklungen, bis hin zu weit ausgreifenden „Superverschwörungen", die viele Einzelerzählungen zu einem geschlossenen Weltbild verbinden. Allen gemeinsam seien drei Grundannahmen: Nichts geschehe zufällig, nichts sei wie es scheine, und alles hänge miteinander zusammen.

Warum solche Erzählungen so zählebig sind, machte Becker ebenfalls deutlich: Je größer und beunruhigender ein Ereignis, desto eher bilden sich Verschwörungstheorien. Und ihre Auflösung liegt nicht im Interesse der Anhänger, weil die Erzählung für sie eine Funktion erfüllt – sie stiftet Halt, Erklärung und Zugehörigkeit.

Der Abend, den die Mitglieder gemeinsam mit ihren Partnerinnen und Partnern erlebten, verstand sich als Beitrag zur Medienkompetenz: ein Plädoyer dafür, im digitalen Alltag wacher und kritischer hinzuschauen. Genau darin sieht der Lions Club Winnenden ein Anliegen, das zu seinem Leitgedanken „We serve" passt.

Mathias Becker | Bild: Domeniko Skender